Es war eine der brisantesten Neuigkeiten für alle Fantasy Football-Spieler in dieser Offseason: Melvin Gordon will einen neuen, langfristigen Vertrag erzwingen und setzt die Los Angeles Chargers mit einem angekündigten Hold-Out a la Le’Veon Bell unter Druck.

Was bedeutet das für seinen Dynasty-Value?

 

Die Situation bis vor zwei Wochen

Holen wir kurz aus:

Melvin Gordon, von den damals noch San Diego Chargers im 2015 Draft in der ersten Runde an #15 gedraftet, hatte ein eher bescheidendes Rookie-Jahr. Er erzielte im Durchschnitt nur 6,27 Fantasy-Punkte pro Spiel (FP/G) und hatte vor allem ein Fumble-Problem: sechs Fumbles in 14 Spielen. Doch in den Jahren danach drehte er richtig auf und konnte über die letzten drei Saisons einen Durchschnitt von 18,2 FP/G erzielen, was ihn völlig zurecht den Status eines Elite-RB einbrachte. In fast jedem Startup-Draft 2019 ging er bisher in der ersten Runde (ADP: #10 laut Rotoviz) und war in Trades mehrere 1st-Round Rookie-Picks wert.

Melvin Gordon ADP Entwicklung bis Juli 1 - Der Melvin Gordon-Schock - und nun?

Melvin Gordons ADP-Entwicklung von Mai bis Juli // Quelle: Rotoviz.com

 

Kurz gesagt: Für mich war Melvin Gordon ein Sell-High-Kandidat.

Doch muss man das differenzieren: Für einen Contender, der sich im Win-Now-Modus befindet, war er sicherlich kein Kandidat, den man leichtfertig abgeben sollte. Denn verlässlicher als Gordon punkteten in der letzten Saison nur die Top 5 um Todd Gurley, Saquon Barkley, Christian McCaffrey, Alvin Kamara und Ezekiel Elliott.

Für alle anderen jedoch hatte er auf lange Sicht zu viele Fragezeichen: Er ging in sein letztes Vertragsjahr und man konnte lesen, dass die Chargers ihm nach der Saison keinen neuen Vertrag anbieten wollen würden. Sicherlich Spekulation, aber diese Gerüchte ganz außer Acht zu lassen, wäre fahrlässig gewesen. Das warf natürlich die Frage auf, könnte er in einem anderen Team ebenso performen? Dazu kam, dass er in zwei seiner drei Elite-RB-Jahre seinen Ownern in den Fantasy-Playoffs nicht zur Verfügung stand. 2016 verpasste er Week 15, 16 und 17. 2018 waren es die Wochen 13, 14 und 15. In beiden Jahren kostete es vielen Fantasy-Teams den möglichen Titel. Es waren zwar nie ernsthafte Verletzungen und er ist alles andere als Injury-Prone, aber dies könnte durchaus ein Anzeichen dafür sein, dass sein Körper einem Bell-Cow-Workload über 17 Spiele nicht gewachsen ist. Niemand will sein Team auf einem RB aufbauen, der in der wichtigsten Phase der Saison fehlt.

Der Status Quo

Die derzeitige Situation ist eigentlich einfach: Das Sell-High-Fenster ist zu. Niemand wird mehr mehrere 1st-Round-Picks für ihn zahlen.

Viele Teams, die in den Win-Now-Modus geschaltet und mit Gordon als ihren RB 1 gerechnet hatten, wirft die aktuelle Entwicklung weit zurück. Sicher geglaubte Playoff-Teilnahmen geraten ins Wanken. Strategien müssen überdacht und womöglich sogar geändert werden.

Sein Value ist am Tiefpunkt, denn mögliche Käufer gehen vom Worst-Case-Szenario aus: Nämlich, dass er wirklich die ganze Saison pausiert. Deshalb lautet meine Einschätzung: Melvin Gordon ist ein Hold für alle, die ihn in ihren Teams haben – es sei denn, ihr bekommt ein Angebot in der Größenordnung wie es vor einer Woche noch realistisch gewesen wäre. Habt ihr Gordon nicht im Kader, ist er ein Buy-Low-Kandidat. Einige Gordon-Owner könnten den Fehler machen und in Panik geraten – ähnlich wie es einige Tyreek Hill-Owner in dieser Offseason getan haben. Da könntet ihr vielleicht genau jetzt das Schnäppchen des Jahrzehnts machen.

Welche Entwicklung können wir erwarten?

 

Es gibt meiner Meinung nach vier Möglichkeiten:

1. Melvin Gordon unterschreibt einen hoch dotierten, langfristigen Vertrag bei den Chargers

Dies wäre sicherlich das Best-Case-Szenario für alle Gordon-Owner. Sein Value würde sofort wieder auf das alte Level klettern und man hätte einen Elite-RB für die nächsten Jahre.

2. Melvin Gordon wird getradet

Auch in diesem Szenario würde sein Value wieder steigen. Wie weit hängt natürlich davon ab, bei welchem Team er womöglich landet, doch ein High-End-RB2-Value ist in meinen Augen sein Floor in diesem Fall. Denn Gordon hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er unabhängig von der Run Blocking-Fähigkeit seiner Offensive Line produktiv sein kann: 2016 war die O-Line der Chargers #23 der NFL in Sachen Run Blocking und Gordon erzielte im Schnitt 17,7 FP/G. 2017 waren sie #26 und Gordon erzielte 16,1 FP/G. Zudem war er sogar die #4 aller RB in der Kategorie „Yards created“, die besagt, wie stark der RB unabhängig von seiner Offensive Line performt. 2018 war die Line der Chargers deutlich besser (#5, laut www.footballoutsiders.com) und Gordon erreichte einen Durchschnitt von 20,4 FP/G und war die #5 in „Yards created“ (laut playerprofiler).

Melvin Gordon Efficiency - Der Melvin Gordon-Schock - und nun?

Zahlen eines Elite-RB // Quelle: playerprofiler.com

 

3. Er blufft

Ebenfalls kein unwahrscheinliches Szenario meiner Meinung nach, auch wenn es auf den ersten Blick wild klingt. Letztes Jahr hat Le’Veon Bell versucht, die Steelers mit seinem Hold-Out unter Druck zu setzen. Vielleicht hätte es geklappt, wenn James Conner nicht so abgeliefert hätte, wie er es getan hat. Doch so hat er viel Geld liegen lassen und die Teams standen nicht wie erwartet Schlange, um ihn zu bezahlen. Er unterschrieb am Ende einen finanziell schlechteren Deal bei einem sportlich schlechteren Team.

Melvin Gordon ist aber nicht Le’Veon Bell. Das ist gut und schlecht zugleich für ihn. Gut, da er nie für negative Schlagzeilen außerhalb des Platzes gesorgt hat – bis jetzt. Schlecht, weil er sportlich noch nicht an die Klasse von Bell in Pittsburgh heranreichen konnte. Und wenn die Teams bei Bell schon vorsichtig waren, wie hoch schätzt Gordon seine Chance?

Sollten die Chargers ihm nicht den Vertrag anbieten, den er sich vorstellt, kann ich mir gut vorstellen, dass er die Preseason aussetzt und vielleicht die ersten zwei Spiele. Dann würde er wieder einsteigen, um zum einen nicht dauerhaft seinen Platz an einen anderen RB zu verlieren und zum anderen den Chargers auf dem Feld zu zeigen, dass es eine gute Idee ist, mit ihm zu verlängern.

In diesem Fall würde sein Value natürlich auch wieder steigen, allerdings auch nicht auf das alten Level, denn die Unsicherheit, was nach der Saison passiert, bleibt.

4. Hold-Out

Die letzte und für Gordon-Owner sicherlich schlechteste Möglichkeit. Ein Roster-Spot für ein Jahr blockiert ohne Chance auf Punkte, Unsicherheit, wie es nach dem Jahr weitergeht und viele Fragezeichen, was die Ausrichtung des eigenen Teams angeht. Wirklich niemand möchte, dass es hierzu kommt. Nicht die Fantasy-Spieler, nicht die Chargers und – ich bin mir sicher – auch Melvin Gordon selbst nicht. Sollte es dennoch dazu kommen, wird sein Value trotzdem nicht weiter sinken als jetzt. Er braucht nur länger, um sich zu erholen als bei den anderen drei Varianten. Sobald in diesem Fall aber Gordon ein neues Team gefunden hat, wird er – ähnlich wie Bell – wieder auf dem Radar auftauchen.

Was tun in einem Startup?

Seit Verkündung seiner Hold-Out-Pläne ist Melvin Gordon laut aktueller ADP aus der ersten Runde heraus bis in die dritte Runde gerutscht.

Juli ADP Entwicklung - Der Melvin Gordon-Schock - und nun?

Melvin Gordons ADP-Entwicklung seit Juli // Quelle: Rotoviz.com

Das sind gute Nachrichten für alle, die in der nächsten Zeit einen Startup beginnen und einen frühen Pick in der ersten Runde haben. Somit wären sie am Turn der zweiten und dritten Runde erneut dran, wo aktuell Gordons ADP liegt. Gordon muss nicht mehr euer erster Pick im Draft sein. Ein absoluter Steal in der dritten Runde. Mit etwas Glück könnte man ihn z.B. mit einem Christian McCaffrey und Dalvin Cook kombinieren. Wenn ihr also on the clock seid und Melvin Gordon ist verfügbar in der dritten Runde – pull the trigger! 

Die Alternativen

Für den Fall, dass Gordon einige Zeit verpassen wird, haben die Chargers zwei weitere Running Backs in ihren Reihen, auf die die Fantasy-Owner ein Auge werfen sollten:

Die offensichtliche Antwort ist Austin Ekeler. Er war die ganze Saison über als Satellite Back oder Change-of-Pace-Back in das Offense-System der Chargers eingebunden und konnte mit 10,6 FP/G durchaus überzeugen. Zudem war er mit 6,6 Yards per Touch einer der effektivsten RB der Liga. Sein Value wird in den vergangenen Tagen aber um einiges gestiegen sein, sodass ein billiger Kauf hier kaum noch möglich sein wird.

Die günstigere Variante heißt Justin Jackson. Jackson geht in sein zweites NFL-Jahr und hatte ein eher unauffälliges Rookie-Jahr. Als Gordon jedoch gegen Ende der Saison pausieren musste, kam auch Jackson eine größere Rolle zu. Dabei konnte er zwar nicht brillieren, doch zumindest auf sich aufmerksam machen.

Doch welchen der beiden solltet ihr versuchen zu holen? Wer ist derjenige, der Gordons Rolle als Lead Back am ehesten einnehmen und somit an Fantasy-Relevanz gewinnen kann?

Meine Antwort lautet Justin Jackson. Auch wenn seine körperlichen Voraussetzungen nicht ideal für einen Workhorse-RB sind. Doch zum einen ist er günstiger zu haben, was den Risikofaktor minimiert. Zum anderen konnte er in den Spielen, in denen Gordon fehlte und er mehr als 5 Touches bekam, im Durchschnitt 10,1 FP/G erzielen. Austin Ekeler schaffte es hier nur auf 8,1 FP/G.

ADP Entwicklung Gordon Ekeler Jackson - Der Melvin Gordon-Schock - und nun?

Die ADP-Entwicklung der drei seit Bekanntwerden der Hold-Out-Pläne Gordons // Quelle: Rotoviz.com

Fazit

Einen Hold-Out Melvin Gordons über die ganze Saison halte ich für unwahrscheinlich. Er hat viel zu viel zu verlieren, als dass es das Risiko wert sein dürfte. Außerdem haben die Chargers dieses Jahr wieder eine starke Truppe zusammen, die im Kampf um die Vince Lombardi-Trophy ein Wörtchen mitreden dürfte. Diese Chance bekommt in der NFL nicht jeder – wenn er nicht bei den Patriots spielt. Sollte er diese Saison wieder ähnlich abliefern wie in der vergangenen, hat er zudem in der nächsten Offseason viel bessere Argumente für sich und die Teams werden nicht umhin kommen, ihn zu bezahlen. Vor allem dann nicht, wenn er als potentieller Super Bowl-Champ auf den Markt kommt.

Für den Fall der Fälle sollten Fantasy-Owner – vor allem Gordon-Owner – versuchen, Justin Jackson in ihr Team zu holen. Wenn es noch nicht zu spät dafür ist. Sein Upside, die Rolle des Lead Back zu übernehmen, schätze ich höher ein als das von Austin Ekeler. Allerdings hat Ekeler den höheren Floor, da er seine Rolle in der Offense der Chargers als Change-of-Pace-Back sicher haben dürfte. Dafür muss man aber eben auch mehr investieren, um ihn akquirieren zu können. Geschmackssache!

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Lukas

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